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Januar 2, 2018

7 Gründe, um nach Kiew zu reisen

Vom späten sowjetischen Modernismus bis hin zur neuen ukrainischen Küche

  • Von Anastasiia Fedorova

Osteuropa ist schon lange ein beliebtes Reiseziel für verlängerte Wochenenden, aber inmitten von Städten wie Prag, Belgrad und Budapest ist Kiew ein bislang unentdecktes Juwel geblieben. In der Hauptstadt der Ukraine erwarten euch modernistische Architektur, Lebensmittel direkt vom Erzeuger und eine lebendige Jugendszene.

2014 war der zentrale Platz in Kiew, der Majdan, weltweit in den Nachrichten. Die brennenden Barrikaden im Herzen der Stadt sind zum Symbol der neuen Wendung in der Geschichte der Ukraine geworden. Im Widerstand gegen die korrupte Regierung haben die Demonstranten die Zuwendung der Ukraine in Richtung der europäischen Integration sowie die Forderung nach universellen Menschenrechten und Freiheiten unterstützt. Drei Jahre später haben die Leute immer noch große Hoffnungen: auf den Straßen hängt die ukrainische Flagge oft neben der Europaflagge, und Kiew ist eine lebendige und friedliche Stadt, die Besucher aus aller Welt mit offenen Armen empfängt.   

Foto: Vladislav Andrievsky

Im Sommer herrscht in Kiew eine sehr südeuropäische Stimmung: die Einwohner verbringen viel Zeit draußen in Parks, Bars und am sandigen Ufer des Dnjeprs. Wenn man durch Kiew spaziert, ist man von einem ganzen Stück komplexer Geschichte umgeben: von Kathedralen aus dem 12. Jahrhundert über große sowjetische Wunderbauten wie die 100 Meter hohe Mutter-Heimat-Statue. Kiew ist aber keineswegs in der Geschichte hängengeblieben – es entwickelt und verändert sich stetig. Die neue Welle kreativer Energie steigt immer mehr an, angetrieben durch die neuen Generationen. Ukrainische Raves machen weltweit Schlagzeilen, aber es sind auch Kunst, Fotografie, Mode und die eng vernetzte Kreativszene, die die Hauptstadt so vielseitig machen. Macht euch mit unseren Tipps auf nach Kiew und überzeugt euch selbst davon.  

Foto: Vladislav Andrievsky

Später sowjetischer Modernismus
Kiew ist ein unglaublich eklektischer Ort, aber es ist das einzigartige Beispiel des späten sowjetischen Modernismus, das es zum Traumziel für Architektur-Liebhaber macht. Überall in der Stadt findet man sie: modernistische Projekte aus der Zeit zwischen den 60er und 80er Jahren, die der Beweis einer utopischen Vision und künstlerischer Experimente sind. Es gibt einige atemberaubende Formen und Strukturen. Auf dem technischen Institut beispielsweise liegt eine Art fliegende Untertasse aus Beton, auf dem Zhitniy Markt hängt die Decke auf nur vier Pfeilern herunter und auch der Memory Park ist eine einzigartige Konstruktion (bei der Wissenschaft auf künstlerischer Vision trifft). Es gibt hier viele Orte, die sehenswert sind: die neue Gebäude der Taras Shevchenko Universität, die Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft oder die Vinogradar Wohnsiedlung.

Ministry of information. Foto: Mishka Bochkarev

Rave-Szene
Als Slava Lepsheev 2014 seine Partyreihe Cxema ins Leben gerufen hat, war es lediglich eine DIY-Initiative für Freunde in der postrevolutionären Nightlife-Krise. Aber innerhalb weniger Jahre hat sich Cxema zu einem Phänomen von fast weltweiter Dimension entwickelt, außerdem war es auch eine notwendige Plattform für lokale Musik-Talente. Aber bei Cxema geht es auch um die Stadt: vergangene Veranstaltungsorte waren beispielsweise verlassene Bürogebäude, Fabriken, Hotels und ein Außen-Skatepark am Flussufer. Das international gefeierte Closer ist ein weiteres Ziel – es liegt in einer ehemaligen Bandfabrik, hat mehrere Dancefloors und eine Terrasse und sein eigenes, alljährliches Festival namens Strichka.

Foto: Vladislav Andrievsky

Bar-Szene
Wenn ihr kein Rave-fan seid, gibt es für einen gelungenen Abend eine Menge Alternativen. Die Bar-Szene in Kiew ist groß und vielfältig, und es gibt immer wieder Neuzugänge. Die entspannten Bars Kosatka und Zigzag sind bei den Einwohnern am beliebtesten, und in beiden bekommt ihr auch ein leckeres Mittag- oder Abendessen sowie gute Drinks. Wenn euch nach Cocktails ist, geht in die Bar Parovoz (die im Keller des Kyiv Kinos liegt und wie ein Zugwaggon aussieht) oder ins Loggerhead.

Foto: Vladislav Andrievsky

Neue Welle der ukrainischen Mode
Trotz der mangelnden Infrastruktur hat Kiew seine eigene, blühende Mode-Szene. Der LVMH-Nominierte Anton Belinskiy bindet in seine Arbeiten nationale Ikonographie und die komplexe politische Situation der Ukraine ein. Yulia Yefimtchuk lässt sich von Uniformen und einer utopischen Vision des Sozialismus inspirieren. Bevza, die diese Saison in New York ihr Debüt gefeiert hat, kreiert elegante, minimalistische Damenmode mit subtilen Referenzen auf ihre osteuropäische Herkunft. Es gibt hier eine Menge Talente und Looks zu entdecken: von Ksenia Shnaiders charakteristischen Denim-Designs bis zu Drag and Drops subversiver Interpretation der Weiblichkeit, und von ukrainischer Spitze bis zu den Statement-Mänteln von Litkovskaya.

Foto: Vladislav Andrievsky

Sowjetische Hotels
In einem der vielen sowjetischen Hotels in Kiew zu übernachten ist der perfekte Weg, um noch eine Seite der Geschichte der Stadt kennenzulernen. Das ikonische zylindrische Gebäude des Salute Hotels, das 1984 fertiggestellt wurde, ist eines der Wahrzeichen der Stadt (ursprünglich sollte es ein Wolkenkratzer werden, aber dann wurde das Projekt verworfen). Andere interessante Hotels sind das rechteckige Lybid mit der Lobby im Stil der 70er Jahre mit Holz-Imitat-Paneelen, das braun-weiße Express und das imposante Ukraine Hotel, das nur wenige Gehminuten vom Majdan entfernt ist. Die Hotels wurden größtenteils in den 70er und 80er Jahren erbaut und sollten damals für die Gastfreundlichkeit und Attraktivität der Hauptstadt für Besucher stehen. Heute stehen sie für die ukrainische Vision von Komfort und Luxus, und obwohl viele Webseiten noch recht altmodisch und manche Entscheidungen für die Inneneinrichtungen fraglich sind, herrscht an diesen Orten eine einzigartige Atmosphäre.  

Foto: Vladislav Andrievsky

Vintage-Shopping
Es ist vielleicht nicht wirklich glamourös, auf den Second-Hand-Märkten in Kiew zu shoppen, aber die Schätze, die man finden kann, sind die Zeit definitiv wert. Die Preise sind unglaublich niedrig: Mäntel und Schuhe für etwa 5 Euro, Tops, Hosen und Kleider für noch weniger, und in abgelegenen Ecken des großen Marktes kann man sogar Sachen für weniger als einen Euro kaufen. Auf dem Lesnoy-Markt kann man sich ohne Weiteres einen ganzen Tag lang durch Pulli-Stapel wühlen oder italienische handgeschneiderte Second-Hand-Teile anprobieren. Ukraine importiert große Mengen gebrauchter Kleidung – bis zu 100.000 Tonnen pro Jahr – und viele der Teile kommen aus der Schweiz, Deutschland und Großbritannien. In Kiew sind außerdem auch viele junge eBay-Entrepreneure ansässig, die Marken-Klamotten in die Länder zurück verkaufen, aus denen sie stammen, aber der perfekte Stil der lokalen Szene legt nahe, dass auch genug Teile ihren Weg in die Hände neuer Besitzer in der Hauptstadt finden.  

Kanapa Restaurant

Neue ukrainische Küche
Viele ukrainische Nationalgerichte sind als unspektakuläre Hausmannskost bekannt, aber es gibt einige Orte in Kiew, in denen ihr dieses Vorurteil sofort ablegen werdet. Das Kanapa liegt im Herzen der Altstadt und ist der perfekte Ort, um die neue ukrainische Küche zu probieren. Ähnlich wie die neue nordische Küche basiert sie auf saisonalen und lokalen Produkten sowie auf traditionellen Rezepten und stammt aus den Zeiten vor der Sowjetunion. In der Kanapa erwartet euch auch eine große Auswahl an ukrainischen Weinen und etwa 300 unterschiedliche ukrainische Käsesorten.

Credits:

Text: Anastasiia Fedorova

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