Art & Design

February 2, 2017

Fünf Fragen an den Künstler Adham Faramawy

Der Londoner Künstler über Einfühlungsvermögen, Aktivismus und Humor

  • Von Francesco Dama

Adham Faramawy hat an der Slade School of Fine Arts und der Royal Academy School studiert und arbeitet in den Bereichen Digitalvideo, Computerprogrammierung, Skulpturen, Malerei und Druck. Typisch für seine Videos ist die destabilisierende Ästhetik und die wiederkehrende Aufmerksamkeit auf den Körper, außerdem sind sie sexy, psychedelisch und machen einfach Spaß. 

Für seine letzte Ausstellung im Bluecoat, Liverpool, hat sich Faramawy teilweise von den Erlebnissen eines Autounfalls inspirieren lassen, den er 2015 hatte und durch den er wochenlang nicht laufen konnte. Die Beobachtungen während des langwierigen und schmerzhaften Heilungsprozesses und der erstaunlichen Veränderungen seines Körpers erinnerten ihn an die Gefühlswelten, die Werbung in uns auslöst; es wird uns vermittelt, wir seien körperlich nicht gut genug und nur durchs Shoppen könnten wir diese Mängel beheben. Das Video, das damals gezeigt wurde (Janus Collapse) ist in der für Werbung typische Weise gedreht, nur dass Ton und Bilder immer mehr verzerrt werden und zum Ende hin optisch und auditiv an Verwesung und Fäulnis erinnern.

Faramawy spielt mit der Sprache der Werbung und zerstört somit ihr Konzept. Er setzt sich mit der Entfremdung von unseren eigenen Körpern und von der Gesellschaft und somit mit persönlichen und sozialen Ängsten auseinander, die in die Diskussionen um Ethnizität und Geschlecht übertragen werden können. Mit Amuse hat er über Body Horror, virtuelle Realität und das Bedürfnis nach Spaß gesprochen.

Janus Collapse, video, 9 minutes 37 seconds, Adham Faramawy, 2016 (2)

In der römischen Mythologie gilt Janus als der Gott des Anfangs und des Endes und wird für gewöhnlich mit zwei Gesichtern dargestellt. Wie bist du auf den Titel der Ausstellung gekommen?
Ich hatte eine echt harte Zeit, als ich mit den Arbeiten für die Ausstellung begonnen habe, also habe ich versucht, mit dem Janus-Bild das Gefühl der Instabilität auszudrücken und darüber zu sprechen, gleichzeitig nach vorne und zurück zu schauen. Die letzten beiden Jahre waren ziemlich schwer, und ich habe versucht, in meinen Arbeiten über Herausforderungen zu sprechen und sie zu bewältigen. Mir ist klar, dass der Sprung von einem Autounfall zum Shoppen für manche vielleicht nicht ganz nachvollziehbar ist, aber ich wollte diese Erfahrung aufbauend gestalten, um für mich selbst genau herauszufinden, wie der Heilungsprozess sich auf mein Körperverständnis ausgewirkt hat.  

Als Schöpfer von Bildern, der sich in seinen Arbeiten mit Werbung beschäftigt, habe ich dieses Gefühl der Entfremdung vom Körper wiedererkannt, das einsetzt, wenn er sich anders verhält, als normalerweise. Es ähnelt stark dem Gefühl, das uns in der Werbung dadurch vermittelt wird, wie uns Bilder von Körpern anderer Leute präsentiert werden. Der Großteil meiner Arbeit beschäftigt sich damit, wie wir Körper sehen, über sie denken und sie darstellen. Für diese Ausstellung habe ich mir in den Arbeiten darüber Gedanken gemacht, wie der Körper in Beziehung zur Werbung steht und zeige, wie biologische Strukturen Werbebilder zerfressen, während der Bildschirm langsam verwest.

Janus Collapse, video, 9 minutes 37 seconds, Adham Faramawy, 2016 (4)

Mich fasziniert die doppelgesichtige Natur der Werbung: einerseits verspricht sie uns durch die Nutzung und den Konsum bestimmter Produkte ein besseres Leben, andererseits hält sie uns aber ständig vor Augen, wie unvollkommen unsere Leben sind. Wie denkst du wirkt sich Werbung auf unsere Gesellschaft aus?
Werbebilder haben viele Gesichter. Ohne es dramatisieren zu wollen, ich habe das Gefühl, dass es hier in London nur noch wenige Orte gibt, an denen jemand nicht versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Manchmal fühlt es sich so an, als könnte ein Bild von egal welcher Situation dazu benutzt werden, uns etwas zu verkaufen, und ich habe keine Lust, mich die ganze Zeit wie ein Verbraucher zu verhalten. Die Dinge verändern sich sehr schnell und ich möchte mir über Mitgefühl und Aktivismus Gedanken machen. Ich weiß nicht, wie ich in Bezug auf diesen Mechanismus noch aktiver werden kann, als mir die Bilder, die ich empfange, anzueignen, sie wiederzuverwerten und zu destabilisieren. Spaß und Spiel können eine Strategie sein, um diese Bilder zum Fallen zu bringen, selbst wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist. Manchmal sind Freude, Spaß und Lachen die beste Methode, um den Dingen zu widerstehen, durch die wir uns unwohl fühlen.

Janus Collapse (the juice box edition), installation at the Bluecoat, Liverpool, Adham Faraawy, 2017 (2)

Dein Video wird als Teil einer Installation mit Sand, Betonblöcken und einem grellen Vinyl-Bild gezeigt. Wie genau stehen die einzelnen Elemente zueinander in Beziehung?
Ich wollte mit wandelbaren Materialien arbeiten, die einen flüssigen Zustand darstellen. Ich wollte, dass die skulpturalen Elemente, die die Bildschirme umgeben, aus Materialien bestehen, die einen Ort beschreiben, an dem sich die Architektur und die Bilder, die von der Architektur unterstützt werden, gleichzeitig in einem Zustand des Baus und der Zerstörung befinden. Die Gegend rund um Bluecoat wurde in ein Shopping-Viertel umgebaut. Ich finde es wichtig und interessant, seine Bilder immer in Bezug auf ihren Kontext zu positionieren, und zu versuchen, diesen Kontext sichtbar zu machen und ein Gespräch darüber anzufangen, wie wir uns Situationen aneignen und steuern können. Ich hoffe, so, wie ich die Bilder gemacht und angebracht habe, bringt das, was draußen passiert, nach innen, und regt ein Gespräch darüber an.

Janus Collapse (the juice box edition), installation at the Bluecoat, Liverpool, Adham Faraawy, 2017 (5)

Du hast auch das Genre Body Horror als Ideenquelle für die Ausstellung erwähnt. Was hat dich sonst noch dazu inspiriert?
Vieles, das mich umgeben hat, während ich an dem Projekt gearbeitet habe, war Body Horror in Form von TV-Werbung; explodierende Teenager als Pizza-Werbung, davonlaufende Zungen als Bier-Werbung. Diese Werbungen können witzig, bizarr und teilweise auch eklig sein. Manchmal sind die Bilder so abstrakt, dass es mir schwerfällt, die Verbindung zum Produkt zu erkennen, was mich aber teilweise auch erleichtert hat. Ich habe auch viele Science-Fiction-Romane wie die Blue Ant-Trilogie von William Gibson gelesen. Die Geschichten in dieser Reihe basieren auf der Arbeit einer Werbeagentur, spielen in der Zeit um den Terroranschlag auf das WTC und nutzen die Tragödie als Drehpunkt der Geschichte.  

Außerdem habe ich auch viel von Octavia Butler gelesen, vor allem die Xenogenesis-Trilogie, in der beschrieben wird, wie eine außerirdische Rasse nach einem zerstörerischen Krieg versucht, die Menschheit zu retten. Die Schnecken-ähnlichen Aliens wollen sich zu diesem Zweck mit den Menschen paaren. Ich finde, dass Octavia Butler eine Autorin war, die ein besonderes Talent dafür hatte, mithilfe von Fiktion die Sozialpolitik zu diskutieren. Durch ihre Geschichten können wir als Leser unsere Beziehungen untereinander und die Hierarchien, die wir für selbstverständlich halten, neu überdenken.

Janus Collapse (the juice box edition), installation at the Bluecoat, Liverpool, Adham Faraawy, 2017 (3)

Woran arbeitest du gerade?
Nach der Ausstellung in Bluecoat habe ich angefangen, mit HTC Vive und der Royal Academy in London an einem Virtual Reality Skulpturenprojekt zu arbeiten. Ich habe die VR-Umgebung erschaffen und wir haben ein Objekt herausgefiltert, dass ich über eine App namens Kodon modelliert habe, um eine physische Skulptur namens Reclining nude with television zu schaffen. Ich habe zusammen mit den Programmierern bei Kodon daran gearbeitet, ein neues Tool für die App zu entwickeln, das es dem Nutzer ermöglicht, die schwebenden Skulpturen von einem Podest über den Wolken aus mit Graffiti zu besprühen. Das Werk wurde im Januar im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen in der Royal Academy gezeigt.

adhamfaramawy.com

Credits:

Text: Francesco Dama

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