Wellbeing

Oktober 23, 2017

Im Gespräch mit Beyoncés Choreographen

Lernt JaQuel Knight kennen, den Mann hinter den Dancemoves von "Single Ladies"

  • Von Stuart Brumfitt
  • Fotos Lily Bertrand-Webb

Der Choreograph JaQuel Knight arbeitet im Grunde nur mit Sängerinnen zusammen, die so bekannt sind, dass sie keinen mehrteiligen Künstlernamen nötig haben. Neben Beyoncé (und ihren Performances für das Musikvideo zu Single Ladies, den Superbowl und ihre Grammy-Auftritte) hat der Kreative aus Atlanta die Choreographien für Britneys Circus Tour konzipiert und in dem Tanzfilm Burlesque Christina und Cher zu Höchstform auflaufen lassen. Zur Zeit arbeitet er außerdem mit Tinashe daran, ihre Tanzsprache weiterzuentwickeln.

In der Tanzwelt ist der 28-Jährige jedem ein Begriff. Deswegen hingen bei seinem Industry Intensive Tanzkurs in der Londoner Old Finsbury Town Hall auch alle Teilnehmer an seinen Lippen und blickten ihn mit flehenden Augen an, in denen der Traum, von ihm entdeckt zu werden und es ganz nach oben zu schaffen, zu sehen ist. Sie wissen aber auch, dass die Tanzstunden in dem alten Ballettraum harte Arbeit bedeuten.

Wir haben uns mit Knight nach einem seiner Workshops getroffen und haben uns von ihm verraten lassen, wo in Atlanta die besten Clubs sind, was er von gewissen Trends in der Tanzmode und Geschlechterrollen hält und natürlich, wie es ist, mit so berühmten Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten.

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Es ist nicht so leicht, als Tänzer berühmt zu werden, erst recht als Choreograph. Wie hast du es dennoch geschafft?
Ich bin mir selbst als Person immer treu geblieben. Ich bin ein positiver Typ, ich habe gerne Spaß, ich kann sehr albern sein und liebe Musik, wenn ich eine Choreographie mache, stecke ich also immer meine ganze Persönlichkeit mit rein.

Denkst du, dass manche Choreographen das ein bisschen zu wortwörtlich nehmen?
Ja, in manchen Tänzen geht es nur um die Bewegung des Körpers und es ist nichts, was man machen würde. Man würde es nicht machen, wenn man die Straße entlangläuft, auf den Bus wartet oder im Club sein Lieblingslied läuft. Ich beziehe mich immer auf diese Augenblicke: Was machst du wenn du auf einer Grillparty bist? Was machst du, wenn du auf einer Geburtstagsfeier bist?

Wie war es, in Atlanta aufzuwachsen?
Es gibt dort eine große HipHop- und RnB-Szene. Die Clubs sind echt gut und dort entwickeln die meisten auch ihre Leidenschaft für die Musik und das Tanzen. Die Tanzwelt war damals sehr neu und authentisch. Ich erinnere mich daran, wie ich in die kleinen Teenie-Clubs gegangen bin, wo die Leute alle getanzt haben und ihre eigenen Grooves hatten. Jeder hatte eine ganz spezielle Art, zu tanzen. Es war fantastisch. Mein Leben in Atlanta hat mich stark geprägt, denn abgesehen vom Tanzen war ich auch immer bei den Blaskapelle dabei, wo ich sechs Jahre lang Saxophon gespielt habe.

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Ist das etwas, was für die Südstaaten der USA typisch ist?
Ja, im Süden ist das eine wichtige Sache, man nimmt das sehr ernst und übt den ganzen Sommer, um für die Football-Spiele bereit zu sein, und man nimmt auch an Wettbewerben und Paraden teil.

Das muss deine Tanzformationen auch beeinflusst haben. Die Tanzwelt ist eine sehr interessante Mischung aus Teamwork und Kameraderie, gleichzeitig ist sie aber auch voller intensiver Konkurrenz und sicherlich auch Gehässigkeiten.
Es ist eine sehr solidarische Gemeinschaft. Die Leute geben sich gegenseitig Unterricht und lernen voneinander, man geht auf Proben und hofft, dass man es zusammen schafft. Und da gibt es da noch uns [die Choreographen], die auf der anderen Seite des Tisches sitzen und die Leute gegeneinander aufbringen und sagen, wir können von den 50 nur zwei große Mädchen nehmen, oder zwei kleine oder nur zwei Jungs.   

Neben dem Talent fürs Tanzen muss man ja auch für gewisse Jobs ein gewisses Aussehen mitbringen. Das muss ziemlich hart sein.
Das Aussehen ist sehr wichtig, man muss sich frisch und fit fühlen und jedes Mal voller Energie sein. Es geht immer darum, wie viel Prozent man geben kann, wie sehr man es wirklich will.

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Du hast mit vielen unterschiedlichen Musikern zusammengearbeitet, und manche von ihnen sind, wie beispielsweise Beyoncé, auch echte Tänzer, andere hingegen weniger. Es muss anstrengend sein, mit Leuten an einer Choreographie zu arbeiten, die nicht so gut sind wie deine Tänzer.
Ich habe einen Choreographie-Stil entwickelt, der sehr sozial ist. Ich habe es oft mit Künstlern zu tun, die nicht tanzen wollen. Sie brauchen nur ein paar Bewegungen, Persönlichkeit und wollen einfach wissen, wie sie sich bewegen sollen. Dabei zeige ich ihnen, wie sie aufrecht gehen, an ihrer Haltung arbeiten können. Das Schultern-Rollen ist hier ein sehr wichtiges Element. Ich stelle die Künstler gerne vor einen Spiegel, denn sobald man davor steht, sieht man alles, was man an sich selbst hasst.   

Beyoncé kann locker mit all den professionellen Tänzern mithalten – sie hat unglaubliches Talent.
Viele denken, sie sei einfach nur eine gute Tänzerin, die eine gute Show macht. Aber nein! Sie arbeitet sehr hart. Sie hat jeden Tag stundenlang Tanzunterricht und macht es immer und immer wieder, bis die Bewegung perfekt sitzt. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass es nicht von ungefähr kommt.

Bei deinem Workshop hast du darüber gesprochen, dass viele Tänzer ein Alter Ego haben, wie Beyoncé mit Sasha Fierce beispielsweise. Sollte man das als Tänzer haben?
Auf jeden Fall. Sasha war ihre Freundin. Sasha wurde zu Sasha, als Beyoncé mich kennengelernt hat, weil sie da ihr volles Potenzial entwickelt hat. Das war die Single Ladies-Zeit. Eine gute Zeit.

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Mit Single Ladies hast du im Grunde eines der berühmtesten Tanzvideos aller Zeiten erschaffen.
Und ich kann es immer noch nicht so richtig glauben.

Glaubst du, dass jeder Tänzer ein Alter Ego braucht?
Ich glaube, dass jeder eins braucht, denn sobald man die Bühne betritt und vor tausenden von Leuten und Kameras performt, in tollen Kleidern, gemachten Haaren und einem atemberaubenden Make-up, ist man eine andere Person.

Auch bei den Kids heute, die dein Studio verlassen haben, konnte man beobachten, dass sie sozusagen wieder in ihr normales Leben zurückgekehrt sind, nachdem sie im Studio eine Weile jemand völlig anderes gewesen sind.
Gestern habe ich mein Tanzstudio ein Safe Place genannt. Die Bühne, wie auch das Studio, sind ein Safe Place. Man darf in der Welt der Bewegungen völlig frei sein, warum sollte man die Gelegenheit also nicht nutzen und damit spielen und man selbst sein? Seid, wer auch immer ihr sein wollt.

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Man hat die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und sich selbst zu überwinden. Als Choreograph musst du dir sowohl die Bewegungen der Frauen als auch die der Männer ausdenken. Die Dinge sind jetzt angeblich genderfluider – hat das einen Einfluss auf deine Choreographien? Denn der Tanz basiert historisch gesehen zum Großteil auf einer strikten Trennung zwischen typisch weiblichen und typisch männlichen Bewegungen. Hat das einen Einfluss auf deine Arbeit?
Ich bin da ein wenig altmodischer. Mir gefällt es, wenn Männer wie Männer und Frauen wie Frauen und nicht wie Drag Queens tanzen. Jungs, bitte tanzt nicht wie Frauen, vor allem nicht, wenn ihr in ein Tanzstudio kommt. Es ist mir egal, was ihr zuhause oder im Club macht, aber wenn ihr hier zu mir kommt, solltet ihr das abstellen können. Denn genau das wollen die Leute, wenn sie Tänzer suchen. Wenn Beyoncé heiße Typen will, will sie einen Mann sehen. Wenn Tinashe Tänzerinnen sucht, will sie heiße Mädels sehen. Diese Unterscheidung ist also weiterhin wichtig. Wenn Frauen es mit ihren Bewegungen übertreiben, sehen sie oft wie Drag Queens aus, ein bisschen too much. Und wenn Männer zu gut tanzen, kommt es ein bisschen zu ausgefallen rüber. Darum geht es. Wenn man auf der Bühne steht, muss man sich konzentrieren und genau das liefern, was der Künstler will.

Die Rollen sind aber auch in deiner Arbeit ein bisschen verwischt. Manche der Bewegungen sind ziemlich zweideutig. Was inspiriert dich für deine Bewegungen, oder ist es alles eine Reaktion auf die Bewegung?
Es hängt immer davon ab, wo ich mich in meinem Leben gerade befinde, und wie die Musik ist, zu der ich tanzen soll. Gerade arbeite ich an einem neuen Projekt und irgendetwas daran erinnert mich total die 70er Jahre. Ich schaue mir also alte Clips von Partys von damals an und lasse mich davon inspirieren. Der Bob Fosse von damals ist großartig. Er hat Single Ladies sehr stark beeinflusst. Ich schaue mir immer wieder das Musical Chicago an und bin fasziniert davon, wie gut es geschrieben und wie gut durchdacht seine Choreographien waren. Ich bewundere Leute, die den Weg bereitet haben.

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Du sprichst viel vom Wellbeing und von der Gesundheit. Tanzen ist eine tolle Möglichkeit, fit zu werden.
Man muss schon fit sein und bereit sein, noch mehr zu geben. Ich denke, dass den Tänzern während des einwöchigen Workshops genau das klar wird. Gestern haben sie die ersten Übungen gesehen und gesagt “Wir wussten nicht, dass es so schwer ist. Wir wussten nicht, dass man so viel Kraft braucht, um das zu meistern.”  

Wenn man die Tänzer beobachtet, die von der Tanzfläche runterkommen, sind sie völlig außer Atem, brauchen erstmal ein paar Schlucke Wasser und sie zittern, wenn sie die von dir gezeigten Positionen halten müssen. Professionelle Tänzer lassen all das bei Auftritten so leicht aussehen.
Es ist ein hartes Stück Arbeit, denn sobald der Tag der Aufführung gekommen ist, soll alles völlig leicht und locker aussehen. Man muss sich ständig selbst predigen, dass man es schaffen kann.

Was ist neben dem Tanzen selbst für gute Tänzer noch wichtig?
Man muss auf seine Ernährung achten. Das ist sehr wichtig. Man sollte auf Junkfood verzichten und viel Wasser trinken.

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Du hast auch bei Burlesque mitgearbeitet!
Ja, das war mein erster Film. 10 Monate lang habe ich da mein Herzblut reingesteckt.

Christina und Cher also?
Ja, Christina und ich sind seitdem sehr gute Freunde.

Sie ist eine gute Tänzerin, oder?
Ja, sie hat auf jeden Fall Talent. Sie ist insgeheim ein kleines Country-Girl. Es war eine tolle Zeit; Burlesque war eine tolle Zeit.

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Viele Tanzstile aus dem Burlesque und dem Striptease sind bereits Teil der Mainstream-Choreographien…
Ich glaube, das ist schon immer so gewesen. Das beste Beispiel dafür sind die Pussycat Dolls. Sie waren eine Burlesque-Tanzgruppe und die Marke wurde einfach so beliebt, dass sie anfingen, Musik zu machen und zu einer der größten Girlgroups wurden.

Beyoncés Show beim Super Bowl war großartig. Warst du auf die Sensation und die negativen Kritiken vorbereitet, die sie ausgelöst hat? Ich finde es schlimm, dass Leute sowas provokant finden.
Ja, es ist, als würde man dafür kritisiert werden, dass man frei und man selbst ist. Man wird auf die Hand geschlagen und man hört “Lass’ das!” Aber wenn wir nicht frei sein dürfen und uns ausdrücken dürfen, wie sollen wir dann wachsen? In meinen Augen haben uns die Kritiken nur noch weiter nach vorne gepusht.

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Mit wem würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Ich sage es immer wieder, eine Zusammenarbeit mit Gucci Mane wäre ein Traum. Es gibt so vieles, das wir mit ihm machen könnten. Rihanna ist außerdem auch ziemlich cool. Sie liegt nie daneben und hat immer den richtigen Riecher für neue Trends.

Wie bleibst du bei der Musik und dem Tanz immer auf dem neuesten Stand?
Ich reise viel und gehe dann auch immer in die Clubs, um zu gucken, was die Leute so machen und was sie hören. Da kommen mir so viele gute Ideen, und manchmal nehme ich mit meinem Handy auch etwas auf.

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Welche Clubs sind die besten, wenn man gerne tanzt oder anderen dabei zugucken will?
Mein Lieblingsort, um anderen Leuten beim Tanzen zuzugucken, ist und bleibt Atlanta. Das war schon immer so. Und da gehören alle Clubs der Stadt dazu, weil in jedem Club gute Musik gespielt wird. Der schlechteste Dj in Atlanta ist der beste DJ in LA. Hier haben alle ein Rhythmusgefühl, sie fühlen und leben die Musik.

Und wie sieht’s mit der Mode von Tänzern aus? Das ist eine völlig andere Welt. Einen Tänzer erkennt man schon von Weitem. Die Kleidung, die Tänzer beim Üben tragen, ist schon sehr speziell.
Lustig dass du es sagst, denn eigentlich tragen viele Leute im Alltag Mode, die eigentlich zum Tanzen vorgesehen ist. In LA tragen alle Ugg Boots und Shorts, und sind sich nicht bewusst, dass das Tanzmode ist. Camouflage auf Camouflage, Muster auf Mustern – ich liebe es.

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Credits:

Text: Stuart Brumfitt
Fotos: Lily Bertrand-Webb

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