Life & Style

June 1, 2017

Juste un Clou — Der erste Griff

Vier Kreative erklären, wie die ersten Schritte ihres Designprozesses aussehen

  • Von Amuse Team

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Präsentiert von Cartier

Aller Anfang ist … entscheidend. Wie wichtig der erste Eindruck, die erste Berührung oder der erste Gedanke oftmals im Leben ist, davon kann jeder ein Lied singen. Für Künstler und Designer ist der erste Griff der erste Funke einer Idee im Gestaltungsprozess sogar die Basis ihrer Arbeit. Der spontane Impuls von einer losen Eingebung hin zum Objekt bestimmt bei ihnen über die gesamte Form und Bedeutung ihrer Werke — und ist deshalb so wichtig.

Das beste Beispiel dafür ist Aldo Cipullos Juste un Clou-Armreif, den er in den 1970ern für Cartier entwarf. Cipullo sieht einen alltäglichen Nagel und entscheidet sich impulsiv, daraus einen Armreifen zu machen. Der Rest ist Schmuckgeschichte: Ein simpler Werkgegenstand, der mit der edlen Welt des Schmuckes zuvor nichts am Hut hatte, wurde durch seinen ersten Gedanken zu einem rebellischen und unkonventionellen Luxusklassiker für das Handgelenk. Geliebt von den Wild Kids des legendären Studio 54 seit den Siebzigern bis heute. 

Inspiriert von Cipullos Geschichte und dem neusten Mitglied in der Juste un Clou-Schmuckfamilie, der Écrou de Cartier, haben wir bei drei jungen Talenten aus Berlin nachgefragt, wie aus einem ersten Impuls oder einer kleinen Beobachtung heraus ein fertiges Produkt entsteht. Was sind die ersten Gedankengänge und wie sieht ihr erster Griff aus? Die Herangehensweisen von Modedesigner William Fan, Industriedesigner Marcel Pasternak und dem Team hinter NEW TENDENCY sind dabei genauso unterschiedlich wie die Produkte, die sie entwerfen. Auf die eine oder andere Weise stehen sie aber alle in gestalterischer Nachfolge von Schmuckmeister Aldo Cipullo.

Aldo Cipullo

11-1981, NOV 16 1981; Cipullo, Aldo - Groups; Designer; (Photo By George Crouter/The Denver Post via Getty Images)

Foto: George Crouter/The Denver Post via Getty Images

Ob der junge Aldo Cipullo ahnte, dass er einmal einer der wichtigsten Schmuckdesigner des 20. Jahrhunderts werden würde, als er mit gerade einmal 23 Jahren am Hafen von New York strandete? In seiner Heimat Italien hatte er in der Schmuckfabrik seines Vaters eine Ausbildung gemacht. 1969 beginnt seine leidenschaftliche Affäre mit dem Designteam von Cartier. 

Eines Tages betrachtet Cipullo einen Nagel — einen einfachen Arbeitsgegenstand aus dem Werkzeugkasten — und plötzlich kommt ihm die Idee zu einem völlig neuartigen Schmuckstück: dem Juste un Clou. Der Nagel dient ihm als erste Inspiration für den heute zu einer Ikone gewordenen Goldarmreif. Durch den eher von Männerhänden benutzten Nagel schiebt er das Design impulsiv weg vom rein Femininen hin zu einem Bracelet, das nun auch stark und maskulin ist.

Juste un Clou ist außerdem ein frühes Beispiel für die Liebesbeziehung von High und Low: der heute wieder angesagte handwerkliche Aspekt einerseits, der auf ein feines Luxusobjekt wie das Bracelet trifft, andererseits. Cipullo hatte keine Hemmungen, einen banalen Alltagsgegenstand in ein nobles Design zu verwandeln. Ein genialer Schachzug, denn mit diesem Ansatz ist er heute noch en vogue. Gegensätze ziehen sich eben an.

cartier.com

Studio Pasternak

marcel

Wenn Marcel Pasternak in der Großstadt mal wieder alles zu viel wird, geht der Kreative in den Wald. Das Rascheln der Blätter, der Duft des Holzes, das Knistern und Knacken von feinem Geäst ist für den Berliner Industrial Designer mehr als nur eine Dosis Ruhe und Inspiration weit weg vom Berliner Trubel: Die Natur ist der berauschende Stoff seiner Arbeit. Seit 2012 gestaltet der mehrfach ausgezeichnete Kunsthochschule-Weißensee-Absolvent Möbel, konzeptuelle Maschinen oder Installationen. Grünes Öko-Design ist dabei nicht sein Ding. Ihm geht es um den künstlerischen Transfer.

Das heißt: Wie einst Aldo Cipullo mit dem Nagelring überträgt Pasternak einen Fachbereich in einen vollkommen anderen. Momentan interessiert ihn besonders, wie sich Natur über flexible Apparate fortbewegt und verformt. Dem Designer hat es nämlich die Bionik angetan. Für Pasternak ist die Flexibilität, die Dehnbarkeit etwa von Blättern, Fasern oder Sehnen “die Grundlage für jede Form von Bewegung.“ Und wenn man drüber nachdenkt, ein krasses Wunder — das zum Leidwesen des Designers gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Warum aber zieht etwa die Mimose ihre zarten Blätter zusammen, wenn man mit den Fingern darüber streicht? Möchte sie sich schützen oder ist sie vielleicht schüchtern? Beobachtungen wie diese sind für Pasternak immer der erste Impuls für ein neues Produkt, weil er sich dadurch fragt, wie er die perfekt konstruierte Natur für seine eigene Arbeit nutzen kann. Er sagt: “Vieles von dem, was für menschliche Erfindungen wichtig ist, hält die Natur längst bereit. Sie ist uns weit voraus.“

studio-pasternak.com

William Fan

william

Das kragenlose Baumwollhemd, die fließende Schlaghose und eine nobel geschnittene Blazerjacke umschmeicheln den schlanken Körper des hochgewachsenen Mannes. Die androgyne Garderobe sitzt wie angegossen: William Fan ist selbst sein bestes Model. Denn der Berliner Modedesigner mit chinesischen Wurzeln entwirft nur, was ihm persönlich gefällt. Von Geschlechtergrenzen hält er nichts. Genau wie Aldo Cipullo, als er den Juste un Clou-Armreifen für Frauen und Männer entwarf. William Fans Mode ist deshalb seit seiner Debütkollektion 2015 unisex, wofür ihn die avantgardistischen Berliner jede Saison aufs Neue feiern.

William Fans eigenwilligen Stil erkennt man direkt. An den Komponenten aus der klassischen Schneiderei (strenge Blazer und perfekt geformte Schultern), an den asiatischen Einflüssen (Samurai-Hosen und Wickeltechniken) und an der Leidenschaft für ungewöhnliches Décor. “Durch Materialien, die in der Mode sonst nicht vorkommen, bringe ich Spannung in meine Kollektionen“, erzählt Fan. Etwa durch Filzstoffe, mit denen man sonst Koffer füttert, oder fransige Troddeln alter Gardinen. Dank dieser exzentrischen Mischung funktioniert seine Mode auf der Tanzfläche der Panoramabar genauso gut wie in einer dreistündigen Faust-Inszenierung gemeinsam mit den Schwiegereltern.

Ganz am Anfang seines Arbeitsprozesses steht immer die Notiz: “Ich schreibe sehr viel. Zu Hause habe ich bereits ein ganzes Regal voller Notizbücher“, erzählt er. “Meine Gedanken sind die Bausteine meiner Mode.“ Mit seinen Kollektionen möchte er Geschichten erzählen. Entscheidend ist, dass “jede Geschichte eine runde Sache wird.“ Über die Kleidung schaut er deshalb hinaus, entwirft auch Möbel, Schmuck und Porzellan. Irgendwann wird William Fan für ein ganzes Designuniversum stehen.

williamfan.com

NEW TENDENCY 

new

Gebrauchsobjekte beeinflussen maßgeblich unsere Laune. Das weiß jeder, den ein wackelndes Tischbein schon einmal zur Weißglut getrieben hat — sich über einen schicken Stuhl aber immer wieder freut. “Wir glauben, dass die Räume, in denen wir uns täglich bewegen, großen Einfluss auf unser Lebensgefühl haben“, sagt Manuel Goller. “Wir arbeiten uns deshalb an Alltagsgegenständen ab.“ Gemeinsam mit seinem Bruder Christoph und dem Designer Sebastian Schönheit führt er die Berliner Marke NEW TENDENCY, deren Designobjekte auf den angesagtesten Stilblogs rauf und runtergebetet werden.  

“Wir versuchen, mit unseren Produkten kleine Geschichten zu erzählen und den Objekten einen Charakter zu geben“, erklärt Goller. Kennengelernt hat sich das Trio an der Bauhaus-Universität in Weimar. Was sie ganz in Tradition der legendären Schullehre gelernt haben? Gemeinschaftliches Arbeiten und die Liebe zu modernen Designprinzipien! Wie Schmuckdesigner Aldo Cipullo folgen sie im Gestaltungsprozess deshalb gerne ihrer Intuition. Diese basiert allerdings “auf jahrelanger Erfahrung“ und ist deshalb kein rein spontaner Impuls.

“Zu Beginn eines Projektes setzen wir uns mit einer bestimmten Problemstellung oder einer Idee auseinander, lange bevor wir mit dem Modellbau beginnen oder zum Bleistift greifen.“ Erst im nächsten Schritt werden Ideen ausformuliert, Moodboards und 3D-Skizzen in Form von Papp- oder Holzmodellen zusammengestellt. Für NEW TENDENCY ergibt sich also erst aus einer konkreten Designaufgabe Raum für Inspiration — und nicht, wie bei so vielen anderen Designern, genau anders herum. Dafür nimmt sich das Trio Zeit, bringt nur auf den Markt, was sie total überzeugt. Das Ergebnis? Hippe Möbel — die nicht nur chic aussehen sondern sich auch noch bequem sitzen.

newtendency.com

Credits:

Text: Celina Plag
Fotos: Britta Burger
Foto Aldo Cipullo: über Cartier
Konzept: Alexandra Bondi de Antoni
Produktion: Marietta Auras

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