Art & Design

April 26, 2017

Klaus Biesenbach im Gespräch über zeitgenössische chinesische Kunst & das Internet

Der Direktor der Kunsthalle MoMA PS1 spricht über den Einfluss von Google, WeChat und Weibo auf die Kreativen Köpfe Chinas

  • Von Moritz Gaudlitz

Die chinesische zeitgenössische Kunstszene wird immer internationaler, und viele bekannte Künstler wie beispielsweise Cao Fei, Miao Ying und Cheng Ran arbeiten und stellen ihre Kunstwerke mittlerweile auch in den USA und Europa aus. Die K11 Kunststiftung unterstützt die Weiterentwicklung chinesischer Künstler, und ihr Gründer Adrian Cheng bringt dank seiner Verbindungen zu führenden globalen Kunstinstitutionen junge chinesische Künstler auf die Weltbühne.   

2015 hat Cheng eine laufende Forschungspartnerschaft mit dem New Yorker MoMA PS1 (eine der weltweit wichtigsten Institutionen für moderne Kunst) ins Leben gerufen, um herauszufinden, wie sich die Kunst in China und im Westen vor dem Hintergrund des digitalen Zeitalters verändert.  

Sondra Perry, 'Graft and Ash for a Three Monitor Workstation', video, bicycle workstation, 9'05-, 2016. Courtesy of the Artist Sondra Perry,《Graft and Ash for a Three Monitor Workstation》,高清影片、腳踏車工作站,9分5秒

Sondra Perry, ‘Graft and Ash for a Three Monitor Workstation’, video, bicycle workstation, 9’05-, 2016. Courtesy of the Artist Sondra Perry, Graft and Ash for a Three Monitor Workstation.

Bei der letzten Art Basel haben K11 und PS1 in Hongkong in den Räumen der K11 zusammen ihre erste Ausstellung vorgestellt. .com/.cn stellt künstlerische Praktiken aus China und dem Westen vor, die vom Internet und unseren digitalen Ökosystemen beeinflusst sind. Einige der Arbeiten von Künstlern wie Cao Fei, DIS, Laura Owens, Wang Xin und Miao Ying spiegeln die Nutzung unterschiedlicher Plattformen wie Google und Facebook im Westen und Weibo und WeChat in China wider.

Amuse hat sich mit Klaus Biesenbach, dem Direktor der MoMA PS1 und Co-Kurator von .com/.cn in Hongkong getroffen.

Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?
Vor drei Jahren hat es dieses sehr produktive Mittagessen gegeben, bei dem Adrian Cheng und ich uns entschieden haben, eine Forschungsinitiative zu starten. Seitdem haben wir bereits mehrere Projekte realisiert: Eine Cao Fei-Ausstellung in New York und viele Besuche in unterschiedlichen Ateliers, und letztes Jahr war dann klar, dass wir etwas für das K11 machen würden. Wir haben sehr eng mit den Künstlern in China zusammengearbeitet, um die Kunstwerke für diese Ausstellung zusammen zu bekommen.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen .com und .cn?
Wenn ich Künstlerateliers besuche, frage ich immer, welche Webseite der Künstler nutzt. Ich habe immer die selben Fragen wie „Welchen Künstler bewunderst du?” oder „Welche Webseiten benutzt du?” Es gibt eine Diskrepanz zwischen Künstlern, die von hier aus nicht einfach so wie wir auf Facebook, Google oder Instagram zugreifen können. Diese Social Media Outlets üben eine gewisse Faszination auf die Leute aus und es gibt aber natürlich auch chinesische Versionen dieser Outlets, beispielsweise Weibo und WeChat. Uns ist klar geworden, dass es nicht ein World Wide Web gibt, sondern mehrere World Wide Webs.  

Und wie arbeiten die Künstler innerhalb der unterschiedlichen World Wide Webs?
Die Arbeiten von Lin Ke und Li Ming beispielsweise machen klar, dass das Internet wie wir es kennen zwar ein Tool für Künstler ist, aber an sich nicht ein eigenes Medium ist. Alle Werke der chinesischen und westlichen Künstler in unserer Ausstellung sind nur dank dem Internet möglich gewesen, entweder deswegen, weil es als Thema gedient hat oder weil man dort herausfinden kann, wie man bestimmte Effekte erzielen kann. Das ist eine interessante Sichtweise auf die Ausstellung, die aus Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videos besteht. Es ist also nicht nur ein Haufen Dinge auf einer Webseite.

Arbeiten chinesische Künstler anders als westliche Künstler?
Vielleicht. Wir hatten dieses eine Meeting und der Künstler Lin Ke öffnete seinen Laptop. Er erklärte uns, was auf seinem Bildschirm zu sehen ist, aber wir konnten es nicht sehen. Es ist ein geschlossener Kreislauf. Für mich war das sehr interessant, da ich dachte, dass man so vielleicht arbeitet, wenn man nicht so viele Leute erreichen kann, weil man nicht die Möglichkeit hat, auf Google, Instagram oder Facebook dafür zu werben. Er aber war schlau und entgegnete: „Nein, eigentlich ist es das genaue Gegenteil. Ihr glaubt, dass ihr [im Westen] viele Leute erreicht, aber mit Facebook oder Instagram identifiziert ihr doch im Grunde nur die Leute, die euch ähnlich sind. Man strahlt es also theoretisch nur für sich selbst aus, wie in einem Spiegel. Ihr sucht nur nach den meisten Likes. Es sieht so aus, als gäbe es auf der Welt nur diese eine Meinung.” Wir haben in dem Projekt nicht nach politischen Werten gesucht, aber jedes gute Kunstwerk ist immer auch politisch.  

Wang Xin, 'The Gallery', HTC Vive, computer screen, computer, LED poster, LED lettering, iron stand, dimensions variable, 2014 - ongoing. Courtesy of the Artist and de Sarthe Gallery 王欣,《這個畫廊》,HTC Vive、電腦屏幕、

Wang Xin, ‘The Gallery’, HTC Vive, computer screen, computer, LED poster, LED lettering, iron stand, dimensions variable, 2014 – ongoing. Courtesy of the Artist and de Sarthe Gallery

Warum öffnet sich Chinas junge Kunstszene so sehr in Richtung des Westens? Und warum öffnet sich die westliche Welt China gegenüber?
Ich glaube, dass aufstrebende Künstler von Natur aus sehr neugierig sind und herausfinden wollen, was ältere Künstler gemacht haben und was gleichaltrige Künstler machen. Die Offenheit gegenüber der westlichen Kunstwelt ist nur ein Aspekt davon. Als Kurator kann ich nur für mich selbst sprechen, aber ich selbst möchte gerne mehr über die chinesische Kunstwelt lernen.

Wie bewerten Sie die Zukunft der zeitgenössischen chinesischen Medienkunst?
Meiner Meinung nach gibt es keine zeitgenössische chinesische Medienkunst, sondern nur zeitgenössische Kunst. Wir erleben gerade eine sehr aktive, innovative Szene, in der viele aufstrebende Künstler neue Perspektiven auf die Welt erschaffen und verbildlichen. Es ist faszinierend, dass sie alle in China leben, wo die Welt sich so unglaublich schnell verändert.

Credits:

Text: Moritz Gaudlitz

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