Life & Style

Dezember 14, 2017

Lernt den Mann kennen, der mit Warhol, Dalí und Jackie O befreundet war

Wir haben uns mit Jonas Mekas unterhalten, dem Film-Pionier, der mit den Underground-Regisseuren aus New York per Du war

  • Von Emily Manning

Jonas Mekas wohnt wie ich in Brooklyn, getroffen haben wir uns aber an der Upper East Side im Missoni-Store. Letzten Monat hat das italienische Modehaus Blue, Yellow, Red, Purple eröffnet, eine Ausstellung der Bilder des 94-jährigen Film-Pioniers. Mekas’ Blüten blühen im ganzen Laden quer über beleuchtete Paneele. Im ersten Obergeschoss wird auf zwei Bildschirmen sein Film Walden – ein avantgardistisches Video-Tagebuch – aus dem Jahr 1969 gezeigt. Es dokumentiert einen Ausflug zu den Rocky Mountains, Friedensproteste, Mekas’ engen Freunde John Lennon und Yoko Ono im Bett und den Sonnenaufgang über der Bronx.  

Als Mekas 1949 nach New York gezogen ist, hat er sich zuerst in Williamsburg niedergelassen. Geboren wurde er 1922 im Norden Litauens und war somit erst 17 Jahre alt, als die sowjetischen Panzer in sein kleines Dorf eingedrungen sind. Ein Jahr später kamen dann die Deutschen. Als Mekas zusammen mit seinem Bruder Adolfas nach Wien flüchtete, wurden sie festgenommen und in ein Arbeitslager in Hamburg geschickt. Nach acht Monaten gelang den Brüdern die Flucht, und sie hielten sich bis zum Ende des Krieges auf einer Farm versteckt. Danach haben sie jahrelang in Lagern für Vertriebene gelebt, bevor sie dann in die USA gekommen sind.

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Mekas schätzt, dass er seit seiner Ankunft in Williamsburg in etwa 15 bis 20 Wohnungen in den unterschiedlichen Vierteln New Yorks gewohnt hat. In Maspeth, dann in der Lower East Side, später in der 109th St an der Grenze zwischen Manhattan und Harlem, dann in der 13th St. und der Avenue B. Viele seiner Wohnungen sind auch in seinem neuen, beeindruckenden Buch A Dance With Fred Astaire zu sehen. Die Memoiren aus Anekdoten und zufälligen Begegnungen umfassen Mekas’ Tagebucheinträge, Briefe, Schnappschüsse, Fotokopien, Visitenkarten, Standbilder aus Filmen, Artefakten, Kritzeleien und Tagträume (die er alle in seiner aktuellen Wohnung in Clinton Hill im Archiv aufbewahrt).

In A Dance with Fred Astaire nimmt er uns in seine Loftwohnung in der 414 Park Ave South mit. In den frühen 60er Jahren wurde es zum Büro des Film Culture Magazines (der einflussreichen Film-Zeitschrift, die Adolfas und er Mitte der 50er Jahre gegründet hatten), sowie zum Hauptsitz der Film-Makers’ Cooperative. Mekas hat das Loft als “allabendlichen Treffpunkt der New Yorker Film-Undergrounder beschrieben. Aber es waren nicht nur Regisseure: Maler, Musiker, Dichter.” Dort hat er auch das erste Mal Andy Warhol kennengelernt. An einem ganz normalen Abend konnte man bei ihm beispielsweise Allen Ginsberg oder Robert Frank antreffen. Und das laute Klackern eines Gehstocks im Treppenhaus kündigte meistens die Ankunft von Salvador Dalí an.

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Mekas lädt uns auch ins historische Chelsea Hotel ein, wo er zwischen 1967 und 1974 gewohnt hat. “Die Wände waren dünn, und ich konnte die Leute um mich herum hören”, erzählt er mir. “Janis Joplin war etwa ein Jahr lang meine Nachbarin, und zwar eine sehr laute!” Harry Smiths Suite war auch gleich um die Ecke. Die ständigen Besucher des experimentellen Künstlers “schliefen manchmal mit einer Zigarette im Mund ein, da hat schon mal eine Matratze gebrannt und der ganze Rauch kam in mein Zimmer!”, lacht Mekas. “Es gab Notfälle und Katastrophen, aber es war eine aufregende Zeit.” In der Hotellobby hat er das erste Mal Patti Smith kennengelernt, mit der er bis heute befreundet ist.

A Dance With Fred Astaire ist ein sehr persönliches Buch. Es verbindet Erinnerungen aus Mekas’ Kindheit in Litauen mit seiner bemerkenswerten Rückkehr in die Sowjetunion 50 Jahre später. Dennoch spielt auch die Filmkultur des New Yorks der 60er und 70er Jahre eine zentrale Rolle. Jede Freundschaft, an die er sich voller Herz und Humor erinnert, ist tief in seinen Arbeiten verwurzelt. Er ist nicht nur Regisseur, Schriftsteller, Dichter, Kritiker, Akademiker und Archivar, sondern der Held des unabhängigen Films, der Generationen von Künstlern unterstützt und gefördert hat.   

Bei Missoni haben Mekas und ich über Jackie Kennedy gesprochen, darüber, wo es die schönsten Blumen in New York gibt und wie man den Leuten das gibt, was sie brauchen.

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Wonach hast du deine Erinnerungen ausgesucht, die du in deinem Buch mit uns teilst?
Das war Zufall, ich habe aufgeschrieben, woran ich mich gerade erinnert habe. Ich hatte schon eine Zeit lang immer mal wieder diverse Anekdoten festgehalten, und später habe ich sie einfach alle zusammengestellt. Es wurde nicht an einem Tag geschrieben, sondern über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Das meiste, was im Buch ist – die Anekdoten, die Erinnerungen – hat auch viel mit der kulturellen Atmosphäre zu tun, die damals in den 60er, 70er und Anfang der 80er Jahre herrschte. Es geht um die Menschen, die besonderen Ereignisse, die während dieser Zeit stattgefunden haben. Aber es ist auch mit einem gewissen Augenzwinkern geschrieben, fast wie ein Bildband. Ich habe Fotos, Briefe und viele andere Elemente mit eingebracht.  

Du bewahrst alles bei dir Zuhause in Brooklyn auf.
Genau. Ich gehe nicht extra raus und sammle Dinge – , aber was mir ins Haus kommt, schmeiße ich nicht weg. Das ist meine Schwäche. Ich habe so viel Kram bei mir! Was Filme und Bücher angeht, bin ich echt wie ein Tagebuchschreiber. Ich setze mich nur mit der echten realität auseinander. Die Kamera fängt nur ein, was jetzt gerade vor der Kamera passiert. All die Dinge, die ich Zuhause habe, sind Teil meiner Realität. Sie sind meine Arbeitsmaterialien.

Ich finde die Blumen, die du einfängst, wunderschön. Wo in New York gibt es die schönsten Blumen?
Im Botanischen Garten! Aber in New York gibt es so viele kleine Parks. In dem Block, in dem ich jetzt wohne, gibt es kleine Gärten an den Straßenecken, um die sich die Leute sich kümmern. Die Leute in Brooklyn lieben Blumen. Und die Bienen tun das auch.

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Nach fast 70 Jahren bist du wieder zurück in Brooklyn.
Ja, aber seit ich nach Williamsburg gezogen bin, habe ich glaube ich in allen Bezirken mal gewohnt. Es verändert sich alles und wird umgestaltet. Ganze Nachbarschaften sind verschwunden und neue entstanden.

Das Buch ist eine Art Fenster in Orte, an denen ein kreativer Austausch stattgefunden hat und an dem Künstler zusammen gekommen sind. Du schreibst auch über dein Loft, das zur Film Makers’ Cooperative und The Factory wurde. Schon alleine dort einen Film zu gucken wurde zu einem kollektiven, trotzigen Akt. Du wurdest of wegen deiner Filmvorführungen verhaftet.
Mitte der 60er Jahre durchlebte das Land einen Wechsel der Freiheiten. Nicht nur zwischen schwarz und weiß, sondern auch was die Moral und Zensur angeht oder Bilder und die Literatur. Es war eine Übergangszeit, und dann gab es den großen Knall. Die Vertreter der alten Strukturen, die andere verfolgen und Dinge verbieten wollten, gegen die, die diese Grenzen niederreißen wollten. Die Kurzfilme von Jack Smith (Flaming Creatures) und Kenneth Anger (Scorpio Rising) haben wirklich dabei geholfen, die Zensur von Filmen aufzuheben. Das gleiche passierte in der Literatur dank der Grove Press. Diese Konflikte haben zu Diskussionen und Streitereien auf beiden Seiten geführt. Sie mussten stattfinden.

Du beschreibst viele Leute und Erfahrungen auf sehr berührende Weise – beispielsweise erinnerst du dich daran, wie du mit Andy Warhol das Empire State besucht oder  Anaïs Nins Kekse gegessen hast. Erzähl’ uns doch noch etwas über deine Beziehung zu Jackie Kennedy.
Sie war ein sehr besonderer Mensch. Sie war die First Lady, die Frau des Präsidenten. Aber sie war eine sehr einfühlsame, intelligente Person. Das hat man daran gemerkt, welche Kunst sie mochte, wie sie geredet und wie sie ihre Mitmenschen behandelt hat.

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Du hast die Ausstellung in Seoul, die im Missoni-Store und du wirst bald beim British Film Institute eine Rede halten. Was treibt dich an?
Mein Herzschlag! Ich glaube, es ist wichtig, sich jeden Tag zumindest ein bisschen zu bewegen, und ein gesunder Verstand ist noch wichtiger. Wir sind spirituelle Wesen; wir sind nicht einfach nur Körper. Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass wir mit etwas Geheimnisvollem verbunden sind, das wir nicht kennen. Man sollte all den verschiedenen Möglichkeiten gegenüber offen sein. Es ist viel komplexer, gut zu sein und Gutes zu tun. Es ist eine Herausforderung, und zwar eine ziemlich große. Es muss jeden Tag ein Teil von uns sein, ohne darüber nachzudenken. Man sollte unbewusst in diese Richtung gehen und guten Dingen gegenüber offen sein. Es geht nicht darum, jemandem etwas aufzuerlegen, sondern darum, was die Menschheit braucht. Und dann macht man es einfach. Deswegen habe ich auch mal gesagt, dass ich nie etwas mache, wenn es nicht wirklich notwendig ist. Man muss nicht darauf gucken, was man selbst braucht, sondern was die Menschen brauchen.  

Ich habe damals das Film Culture Magazine ins Leben gerufen, weil überall auf der Welt über Filme diskutiert wurde. Es gab Publikationen in Frankreich und England, wo man seine Meinungen über Filme und das Kino austauschen konnte. In New York hingegen gab es damals nichts. Wir gingen zwar in Cafés, Bars und unterhielten uns, aber wir haben anderen zugehört, die aus LA oder Chicago waren. Ich dachte mir “Wir brauchen eine Zeitschrift, wir brauchen eine Plattform, auf der wir unsere Ideen austauschen können.” Es wurde gebraucht, es gab eine Notwendigkeit.

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Jonas Mekas. Foto: John Lennon

Bei der Film Makers’ Cooperative war es genauso. Kommerzielle Filmverleihe wollten die Filme der neuen Generation nicht in Umlauf bringen. Sie konnten die neuen Technologien und Inhalte nicht verstehen. Also sagte ich “Warum gründen wir nicht einfach unser eigenes Vertriebszentrum? Vergesst die anderen, lasst uns sie umgehen.” Und das haben wir auch getan. Und erneut ging es nicht darum, einfach etwas zu gründen. Es gab die Notwendigkeit. Ebenso mit den Anthology Film Archives oder der Village Voice Kolumne. Das gibt es in der Politik. All die verschiedenen Politiker wollen uns ihre Ideen, ihre Systeme auferlegen und erlauben es den Dingen nicht, sich von selbst zu entwickeln. Und deswegen haben wir auch all diese Probleme.

A Dance with Fred Astaire ist ab jetzt erhältlich und wird von Anthology Editions herausgegeben: anthology.net

 

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Text: Emily Manning

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