Art & Design

November 17, 2017

“Schönheit muss gezeigt werden”

Fotograf Stefano Graziani haucht alten Museumsschätzen neues Leben ein.

  • Von Moritz Gaudlitz

In Museumsarchiven werden mehr Kunstwerke aufbewahrt, als in öffentlichen Galerien ausgestellt werden. Deswegen hat der italienische Fotograf und Künstler Stefano Graziani sehr viel Zeit in Museumsarchiven rund um die Welt verbracht und nie gezeigte Gemälde, Skulpturen, Gegenstände und architektonische Modelle fotografiert.

Für seine aktuelle Ausstellung Questioning Pictures im Herzen der ikonischen Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II hat Stefano Graziani die Räume der Fondazione Prada in ein sichtbares Archiv verwandelt. Amuse hat den Künstler in Mailand getroffen.

Fondazione Prada Osservatorio_Questioning Pictures 2

Wie bist du auf die Idee zu dieser Ausstellung gekommen?
Ich glaube das hat viel damit zu tun, was ich davor gemacht habe. Es gibt Bücher und Projekte, die ich bereits entwickelt habe und sie alle haben diese unterbewusste Idee des Arbeitens mit organisierten Sammlungen gemeinsam. Zu diesem bestimmten Projekt kam mir die Idee, als ich in der Sammlung des kanadischen Zentrums für Architektur in Montreal gearbeitet habe. Ich wollte ein Projekt mit einer Institution auf die Beine stellen, die imstande ist, sich selbst zu kritisieren oder umzudenken. Mit der Fondazione Prada bin ich in dieses kontrollierte und systematisierte System gekommen, ich habe es gesehen und es neu organisiert.  

Fondazione Prada - Stefano Graziani 6

Erzähl’ uns doch etwas über das Foto eines Holztisches, auf dem frische Äpfel liegen.
Es ist ein Tisch von Mies Van der Rohe aus dem Jahr 1935, der sehr wertvoll und wichtig ist. Es ist ein Industriedesign, was bedeutet, das wir ihn benutzen können. Und ich dachte mir, versuchen wir es doch mal mit dem riskantesten Genre, also dem Stillleben. Ich legte die Äpfel auf den Tisch, denn jedes Foto ist eine Komposition. Es ist eine Dokumentation, Fotos, die festhalten, was wir sehen und Fotos, die festhalten, was wir tun und erfahren, wenn wir solche Dinge tun. Ich möchte den Gegenständen und Kunstwerken aus den Archiven Leben einhauchen.

Wonach hast du die Arbeiten, die du für die Ausstellung fotografiert hast, ausgewählt?
Ich habe sie gefunden. Vieles hatte mit den Arbeiten zu tun, die ich bereits kannte. Ich kannte die Arbeiten aus Sammlungen und habe sie in unterschiedlichen Umgebungen erlebt. Mit den Fotos können wir die Arbeiten und Gegenstände wieder und wieder sehen.

Fondazione Prada Osservatorio_Questioning Pictures 9

Das Design der Ausstellung mit den bunten Teppichen und Wandschirmen verbindet die unterschiedlichen Werke miteinander.
Die Wandschirme helfen dabei, die Werke aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. Das ist natürlich gewollt, aber die Arbeiten werden nicht chronologisch gezeigt. Wir sehen die Dinge als das, was sie sind und es ist nicht wichtig, was sie zeigen, was sie dokumentieren. Man sieht, was man sieht und was wir sehen können, können wir verstehen. So kann man es am einfachsten beschreiben.

Bei der Ausstellung geht es nicht nur darum, was man in den Räumen sieht – die Außenwelt ist ebenso wichtig – es sind die Dächer und Kuppeln der berühmten Mailänder Shopping-Mall.
Die Aussicht ist fantastisch und gleichzeitig hat sie einen großen Einfluss auf den Veranstaltungsort. Das war etwas, das wir bedenken mussten, als wir das Ausstellungsdesign mit der Fondazione Prada und den Architekten zusammen geplant haben. Wir haben uns dafür entschieden, die Fotos abgesehen von drei großen Werken nicht an den Wänden aufzuhängen. Indem wir die Wandschirme, die dieselbe Farbe wie die Teppiche haben, in der Mitte der Räume aufgestellt haben, haben wir den Außenbereich der Räume mit eingebunden, also das beeindruckende Dach und die Kuppeln der Galleria Vittorio Emanuele.

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Indem du Fotos zeigst, die in den Archiven anderer Institutionen geschossen wurden, erschaffst du eine neue Kollektion in Mailand, richtig?
Ja, so können die Dinge auch weiterziehen. Und eine Institution, die sich selbst überdenken kann, lässt das auch zu. Diese Ausstellung ist ein Dialog zwischen vielen Menschen und zahlreichen Institutionen.

Auf deinen Fotos und in dieser Ausstellung spielen Formen eine zentrale Rolle. Wie wichtig ist die Schönheit eines Gegenstandes für deine Arbeit?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht geht es um eine gewisse Komposition. Vieles hat aber auch damit zu tun, woran man sich erinnert, wenn man eine Ausstellung wieder verlässt. Manchmal kann ich mich nicht an jedes Kunstwerk erinnern, sondern eher an ein bestimmtes Gefühl. Aber ich kann nicht genau sagen, was Schönheit ist. Schönheit muss gezeigt werden.

Fondazione Prada - Stefano Graziani 5

Questioning Pictures ist bis zum 26. Februar 2018 zu sehen fondazioneprada.org

Credits:

Text: Moritz Gaudlitz

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