Art & Design

June 9, 2017

Taucht in die verzerrte Welt dieser beiden Künstler ein

Ihr werdet die Claymation von Nathalie Djurberg und Hans Berg lieben

  • Von Philomena Epps

Nathalie Djurbergs und Hans Bergs neue Ausstellung Who am I to Judge, or, It Must be Something Delicious wurde Ende März in der Londoner Lisson Gallery eröffnet und hat durch die Linse der Psychologie und der Perversion auf tierische Triebe und fleischliche Gelüste geschaut.

Djurberg und Berg sind zwei Künstler aus Schweden, die nun in Berlin arbeiten und ihre Arbeiten bereits auf der 53. Biennale Venedig, der Mailänder Fondazione Prada, im ARoS Aarhus Kunstmuseum in Dänemark, in der Münchner Sammlung Goetz und in New Yorks New Museum ausgestellt haben. Sie arbeiten bereits seit 2004 zusammen und beschäftigen sich in ihren Arbeiten (die Animation, Filme, Skulpturen und Klänge umfassen) mit Erotik und der menschlichen Natur. Für ihre neueste Ausstellung wurde eigens eine Skulpturen-Installation erschaffen, und zwei ihrer drei genialen, verrückten Filme wurden vor kurzem das erste Mal in London gezeigt.  

Portrait of Nathalie Djurberg & Hans Berg. © Nathalie Djurberg & Hans Berg; Courtesy Lisson Gallery

Porträt von Nathalie Djurberg & Hans Berg © Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

Hier präsentieren wir euch die exklusive Premiere des neuen Films von Berg und Djurberg, Delights of an Undirected Mind (2016), der kindliche Erotik, Freudsche Impulse und sexuelle Abweichungen durch die Perspektive einer Gutenachtgeschichte erzählt. Bekannte Charaktere wie Rotkäppchen oder My Little Pony springen durch karnevaleske, bizarre sexuelle Fantasien, was leicht verstörend aber gleichzeitig auch urkomisch ist.

Hier erfahren wir mehr über das Projekt …

In euren früheren Arbeiten habt ihr euch mit Mythen, Märchen und der dunklen Seite der menschlichen Psychologie auseinandergesetzt. Was ist das übergreifende Thema der neuen Ausstellung?

ND: Sexualität, in all ihren Formen.

HB: Ich würde sagen, dass sich ein roter Faden der Mehrdeutigkeit durch die Arbeiten zieht. Die Dinge stehen nie nur für eine einzige Sache, es gibt immer irgendwo eine widersprüchliche Ebene, sowohl in der Musik als auch in den Arbeiten selbst.  

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (still). ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; Courtesy Lisson Gallery (6)

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (Standbild). © Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

Lasst ihr euch auch vom Leben in Berlin – das ja für seinen Hedonismus bekannt ist – inspirieren?

ND: Es inspiriert nicht direkt meine Arbeit, aber wenn ich so zurückblicke, wird mir klar, dass ich nicht mehr so engstirnig denke, viele Dinge viel lockerer sehe und die Ausdrucksformen anderer viel mehr wertschätze, als früher.  

HB: Ich mache neben der Kunst auch Techno. Berlin ist die Welthauptstadt des Techno, es ist also sehr inspirierend, mittendrin und Teil davon zu sein. Andererseits sind wir auch oft in Schweden, und wenn ich dort auf dem Land Musik mache, ist das für mich auch ein wichtiger Einfluss.  

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (still). ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; Courtesy Lisson Gallery (3)

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (Standbild). ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

Warum seid ihr zur Claymation zurückgekehrt?

ND: Ich hatte damals damit aufgehört, weil ich den Antrieb und den Spaß daran verloren hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich in diesem Bereich bereits alles gemacht hatte. Meine Interessen haben sich einfach verschoben, es war also vielmehr eine natürliche Entwicklung als eine bewusste Entscheidung. Ich hatte Ideen, denen ich widerstehen wollte, weil ich ja eigentlich gesagt hatte, dass ich nicht mehr in diesem Bereich arbeiten würde. Dann wurde mir bewusst, wie stur ich war und dass ich immer noch wieder damit anfangen konnte. Der Neuanfang war schwierig, mühsam und zeitaufwendig. Aber die Ideen waren fantastisch, ich war wie besessen davon und musste sie einfach umsetzen.  

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Shame & Guilt, 2016. ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; Courtesy Lisson Gallery (2)

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Shame & Guilt, 2016 © Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

Wie seid ihr bei der Erstellung des Soundtracks zum Video vorgegangen?

HB: Es ist etwas anderes, Musik für die Stop-Motion Animationen zu machen, sie muss nämlich zu den Charakteren und der Geschichte oder zur jeweiligen Situation passen. Ich kann die Musik passend zur Situation gestalten, die Geschichte betonen oder eine Diskrepanz schaffen, oder mit der Musik Dinge sagen, die der Film selbst nicht sagen kann. Wir haben uns sehr viel über den Inhalt des Films, die Themen und unterschiedlichen Ebenen unterhalten, während Nathalie daran gearbeitet hat, ich hatte also schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Richtung die Musik haben soll. Ich wollte sie wie einen Fiebertraum klingen lassen, oder wie unbestimmte Sexfantasien aus einer naiven Perspektive.  

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (still). ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; Courtesy Lisson Gallery (2)

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Delights of an Undirected Mind, 2016 (Standbild). ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

Was war der merkwürdigste oder schrecklichste Traum, den ihr zuletzt hattet?

ND: Ich hatte einen schrecklichen Albtraum über diese Ausstellung, aber in dem Traum war der Ausstellungsraum riesig. Die Besucher haben eine große, runde Plattform aus braunen Ziegeln für die Skulpturen gebaut und sie waren riesig und haben den Zuschauern zugewunken. Carsten Höller hat vor dem beeindruckten Publikum Mundharmonika gespielt. Als ich total in Panik aufgelöst fragte, was die große Plattform und die braunen Ziegel sollten, wurde mir gesagt, ich solle nicht so eine negative Einstellung haben und entschuldigte mich dann. Total beschämt wurde mir dann geraten, eine Mauer zu bauen, die die halbe Ausstellung verdecken sollte, damit nur ein Bild aus dem Katalog zu sehen sei, aber dann sollte ich plötzlich die Mitglieder der Blaskapelle zur Hilfe nehmen. Als mich wieder Panik überkam, habe ich mich auf die Suche nach Tabak oder etwas stärkerem gemacht, das mir erlauben würde, der Realität zu entfliehen, während im Hintergrund ziemlich laut das Lied Love Lifts Us Up (Where We Belong) lief. In dem Traum hatte ich nichts gegen das Lied, sondern fragte mich, warum ich es nicht geschafft hatte, Kunst zu machen, die so toll war, wie das Lied, das ich in meinem Traum hörte.

HB: Das kann ich nicht überbieten.

lissongallery.com

Credits:

Text: Philomena Epps

Credits:

Hauptbild: Nathalie Djurberg & Hans Berg, Passing Comfort, 2016 ©Nathalie Djurberg & Hans Berg; mit freundlicher Genehmigung der Lisson Gallery

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