Art & Design

December 9, 2016

„Uneasy Dancer“ in der Mailänder Fondazione Prada

Im Gespräch mit der Künstlerin Betye Saar

  • Von Moritz Gaudlitz

Es gibt nur wenige bildende Künstlerinnen und Künstler, deren Schaffensphase sich über einen so langen Zeitraum erstreckt, wie die der 90-jährigen Amerikanerin Betye Saar. Seit über sechs Jahrzehnten arbeitet die 1926 in Kalifornien geborene Künstlerin an ihren Werken. Ihre Kunst wurde in die bedeutendsten Museen und Sammlungen weltweit eingekauft–wie viele Arbeiten sie bereits produziert hat und an wie vielen Ausstellungen sie schon partizipierte, ist kaum zu überblicken. Betye Saar arbeitet mit den unterschiedlichsten Materialien, die sie überwiegend auf Flohmärkten, auf Dachböden oder Schrottplätzen findet. Alles, was die Künstlerin sammelt, fügt sie zu skulpturalen Collagen zusammen. Als afroamerikanische Frau hat sich Saar viel mit den Themen Rassismus, Unterdrückung und Emanzipation auseinandergesetzt und diese in ihre Werke transformiert. Durch bestimmte Kombination einzelner Elemente, wie zum Beispiel Familienfotos, Zeitungsausschnitte und alte Bilderrahmen, schafft Betye Saar intime und poetische Kunstwerke, die die lange, oft dramatische Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung in Amerika scharf beobachten und kommentieren.

Gerade wird Betye Saar’s Kunst wiederentdeckt und in internationalen Institutionen und Galerien ausgestellt. So zeigt die Mailänder Fondazione Prada noch bis Januar 2017 die Show „Uneasy Dancer“. Im Frühjahr 2017 ist die nach wie vor sehr aktive Künstlerin in der Londoner Tate Modern und dem Brooklyn Museum in New York zu sehen.

Fondazione Prada - Betye Saar 10

The Alpha and the Omega, 2013-2016

Wann haben Sie angefangen, künstlerisch tätig zu sein?
Sie wissen, dass ich 90 Jahre alt bin, oder? Es ist also schon ziemlich lange her, so an die 50, 60 Jahre. Es fällt mir daher oft schwer, mich an alles zu erinnern. Es fing in meiner Kindheit an, ich war sieben oder acht, denn bei jedem Geburtstag haben wir Bilder mit Wasserfarben oder Buntstiften gemalt und sie uns gegenseitig geschenkt. Das haben wir von unserer Mutter gelernt, die selbst sehr gut malen konnte. Wir wurden projektorientiert erzogen. Später habe ich in der Schule Kunstkurse belegt und dann Design studiert. In Long Beach, Kalifornien bin ich dann über die Druckgrafik Technik an die zeitgenössische Kunst gekommen.  

Sie haben dann auch in Kalifornien weitergearbeitet?
Ich habe in Südkalifornien mit meinen drei Kindern gelebt und musste mich um sie kümmern. Ich versuchte Kunst zu machen, wann immer es nur ging, habe meine Kunst in der Küche gemacht und war eine Küchenkünstlerin, so haben damals viele Frauen angefangen. Denn wenn du die Inspiration hast, dann kannst du überall Kunst machen.

Eines Ihrer frühen Werke „A Black Girls Window“ aus dem Jahr 1969 ist im Bestand des MoMa in New York. Ist es für sie eine wegweisende Arbeit?
Weil mir die Druckgrafik zu flach, zu 2-Dimensional wurde, beschloss ich, sie in Fensterrahmen zu hängen und dann die Rahmen mit anderen Objekten auszuschmücken. „A Black Girls Window“ war zugleich autobiographisch und politisch. Außerdem war es ein Objekt, das erste Werk, das die Druckgrafik in mixed media verwandelt hat. Und so arbeite ich grundsätzlich. Ich finde etwas, kombiniere die Dinge und füge sie zusammen. In den 70er-Jahren waren die Ausgangspunkte der Druckgrafiken immer Bilder meiner jungen Kinder.

Und dann wurde Ihre Kunst politisch?
Für meine Kunst nehme ich überwiegend Material, das ich auf Flohmärkten oder auf Dachböden finde. Und seit den 60ern habe ich Fotomaterial von Afroamerikanern gesammelt. Als Ende der 1960er-Jahre Dr. Martin Luther King Jr. ermordet wurde, habe ich mit den Bildern versucht zu zeigen, wie es in dieser Zeit war. Politisch war es damals sehr unangenehm für uns. Ich bin zwar nie richtig aktiv in der Civil Rights Movement Szene gewesen, aber mit meinen Bildern, meiner Kunst, habe ich versucht, sie zu unterstützen. Trotzdem entscheidet immer der Betrachter, ob die Kunst nun politisch oder sozial oder beides zugleich ist.  

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In ihrer aktuellen Ausstellung in der Fondazione Prada sieht man sehr viel Material, das Familien zeigt. Wann fingen sie an, Privates in ihrer Kunst zu zeigen?
Das hat Mitte der 70er begonnen. Ich hatte eine Großtante, die mit einem großen Koffer voller Fotografien ihrer Familie aus Kansas City kam. Als sie starb, habe ich das unbekannte Material bekommen. Deshalb sind so viele Fotografien in meinen Arbeiten voller Menschen, die ich selbst nie kannte. Aber wir haben alle denselben Hintergrund, dieselbe Familiengeschichte, ohne wirklich Familie zu sein.

Ihr Werk ist sozusagen auch ein Teil der Geschichte der letzten 60 Jahre?
Weil ich es so lange mache, ist es natürlich ein bisschen Geschichte, aber ich habe irgendwann aufgehört, Fotografien zu sammeln. Bereits in den 40er-Jahren … Ich bin mehr an der Vergangenheit interessiert, als an der Zukunft. Ich wollte immer den Rassismus der damaligen Zeit beschreiben.

Dennoch spielt auch die Zukunft in Ihrer Arbeit eine Rolle.  So gibt es in einem Raum der aktuellen Mailänder Ausstellung eine Installation, die ihre persönliche Zukunftsvision widerspiegelt.
Ja, die Installation „The Alpha & The Omega“ ist exklusiv für die Fondazione Prada entstanden. Der Anfang und das Ende. Es geht um das Leben. Das Kanu, das an der Decke im Raum hängt, trägt die Vergangenheit in eine andere Welt.

Der Titel der Ausstellung ist „Uneasy Dancer“. Was bedeutet das?
Die Show ist ein Überblick meiner Arbeit, es ist keine Retrospektive. Von den 60ern bis jetzt. Für mich war das Leben immer eine Reise, die begonnen hat, als ich ein Kind war und bis jetzt andauert. Wir sind weder Vögel noch Fische, die fliegen oder schwimmen, sondern wir bewegen uns auf unseren Beinen fort. Es gibt es einen Weg. Wir krabbeln, laufen und tanzen. Und irgendwann fällt uns das Laufen wieder schwer. Also wird es ein schwerfälliger Tanz, ein uneasy dance. Und diesen Weg dokumentiere ich in meiner Kunst.

Fondazione Prada - Betye Saar 2

Gibt es heute ein Thema, das Sie besonders beschäftigt?
Ja. Ein wichtiges Thema ist Rassismus. Wieso ist er so beständig, wer ist rassistisch und wer leidet darunter, Opfer des Rassismus zu sein? Wenn amerikanische Polizisten afroamerikanische Bürger erschießen, spätestens dann muss darüber gesprochen werden. Aber dieses Thema gibt es überall. In unserem Land und in meiner Arbeit geht es um die „Schwarz-Weiß“ Problematik, in anderen Ländern geht es immer um „Wer ist der Andere?“ Es gibt immer Menschen, die gegen andere sind, was man gerade in Europa und an den Flüchtlingen sehen kann.

Sie machen nun seit mehreren Jahrzehnten Kunst. Hat sich in dieser Zeit Ihr Kunstverständnis und die Herangehensweise an die Arbeit verändert?
Es verändert sich jeden Tag. Und weil ich mit gefundenem Material arbeite, kommt meine Inspiration immer mit den Objekten und anderen Künsten. Literatur, Musik, sie alle geben mir Input. Mir hat es nie an Ideen gefehlt und deshalb hat sich ständig alles verändert.

Aber sind die Inspirationsmöglichkeiten dadurch nicht unendlich? Wie schränken Sie sich ein?
Zeit ist die einzige Einschränkung. Sie limitiert alles, was ich mache. Aber ich mag das. Denn wenn ich eingeschränkt bin, dann kann ich bestimmte Dinge schneller voranbringen.

Fondazione Prada - Betye Saar 1

Credits:

Text: Moritz Gaudlitz

Fotos: Installationsansichten / Roberto Marossi, Courtesy Fondazione Prada 

Led: Betye Saar, Black Girls Window, 1969, Mixed media, 35.75 x 18 x 1.5 in (90.8 x 45.7 x 3.8 cm), Collection of the Museum of Modern Art, New York: The Modern Women’s Fund and Committee on Painting and Sculpture Funds

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