Art & Design

Dezember 15, 2017

Unsere Highlights der diesjährigen Art Basel Miami Beach

Von einem riesigen Neon-Uterus bis hin zur ultimativen Party im The Prada Double Club

  • Von Benoît Loiseau

Willkommen in Miami, wo sich jeden Dezember die gesamte Kunstwelt einfindet, um das Beste der zeitgenössischen Kunst zu sehen und zu kaufen. Eine ganze Woche lang dominieren etliche Kunstmessen die Stadt in Florida, in der außerdem natürlich auch ausgefallene Partys gefeiert werden, improvisierte Gigs stattfinden und exklusive Dinner veranstaltet werden.

Letztes Jahr zu dieser Zeit hatte die Welt gerade erst erfahren, dass Trump der nächste Präsident der USA sein würde, was die Stimmung ein wenig dämpfte, um es mal nett zu formulieren. Einige Galerien reagierten damals mit passenden, politischen Arbeiten, darunter beispielsweise Neu-Darstellungen der amerikanischen Flagge vom Mitbegründer von General Idea AA Bronson und dem geheimnisvollen Künstler Puppies Puppies. Ein Jahr, etliche besorgniserregende Verfügungen und Millionen #MeToo später war auch die diesjährige Ausgabe der Miami Art Week voller politisch expliziter Ideen – was aber niemanden davon abgehalten hat, die Sektkorken wie auch sonst knalle zu lassen.  

PPOW__PR_1543_HiRes

PPOW

Zur 16. Ausgabe der Art Basel Miami Beach (an der 286 Galerien und 4.000 Künstler teilgenommen haben) hat der junge  Künstler Ramiro Gomez aus LA die Woche in einem improvisierten Studio an PPOWs Galerie-Stand verbracht, wo er auf Karton Zeichnungen von den Arbeitern hinter den Kulissen der Messe angefertigt und sie ihnen dann geschenkt hat. Zu sehen war auch ein neues großes Gemälde von Nannys im Madison Square Park in New York – ein Wechsel, wenn man an seine bekanntesten Zeichnungen denkt, in denen es um lateinamerikanische Arbeiter in Kalifornien geht: “Gearbeitet wird überall auf der Welt”, sagt der junge Künstler, der selbst als Nanny in West Hollywood gearbeitet hat. “Die Besetzung ist anders, aber die Rollen sind dieselben. Und genau deswegen bin ich hier: um Stellung zu beziehen.”

Auf der anderen Seite der Messe hat die Londoner Galerie Pilar Corrias eine tolle Einzelausstellung der amerikanischen Künstlerin Tschabalala Self präsentiert, deren erkennbare Mischung aus Farbe, Stoffen und recycelten Materialien die Ikonographie des schwarzen weiblichen Körpers thematisiert. Mit 27 wurde die aufstrebende Künstlerin bereits von Kunsthändler Jeffrey Deitch gelobt, mit Kerry James Marshall verglichen und ist eine der jüngsten Künstlerinnen in einer Gruppenausstellung im New York New Museum, die sich mit der Bedeutung von Gender in der zeitgenössischen Kunst und Kultur auseinandersetzt.

SELF 2017044 Koco at the Bodega

Tschabalala Self, Koco at the Bodega

Und auch die Galerie Jessica Silverman aus San Francisco beschäftigt sich mit Themen rund um Geschlechterpolitik, aber aus einer eher geschichtlichen Perspektive. Sie zeigt eine seltene frühe Skulptur der feministischen Künstlerin Judy Chicago (siehe Titelbild), deren ikonische Installation The Dinner Party aus den 70er Jahren zur Zeit in einer Ausstellung im Kunstmuseum in Brooklyn zu sehen ist. Chicagos Akryl-auf-Lehm-Skulptur bei der Art Basel Miami hat eine Art Fantasie-Geschlecht aus männlichen und weiblichen Elementen gezeigt.

Währenddessen hat auf dem MacArthur Causeway im weniger glamourösen Downtown Miami die 15. Ausgabe der etwas kleineren Messe NADA (New Art Dealers Alliance) begonnen. Mehr als 100 der besten kleinen bis mittelgroßen Galerien und Projekte aus der ganzen Welt versammelten sich im neuen Veranstaltungsraum der Messe, dem Ice Palais Films Studio, darunter Karma New York, das Londoner Studio Voltaire und Lulu aus Mexiko (die Messe musste nach Schäden, die der Hurricane Irma angerichtet hatte, dieses Jahr vom South Beach umziehen).  

ltd_los_angles_low

ltd los angeles

Ein weiteres Highlight war der Stand von ltd los angeles mit neuen Arbeiten des amerikanischen Fotografen John Edmonds und der kanadischen Multimedia-Künstlerin Esmaa Mohamoud, die sich beide mit der Dekonstruktion der schwarzen Männlichkeit befassen. Ein paar Gänge weiter hat die New Yorker Galerie Queer Thoughts Arbeiten auf Papier von dem Londoner Duo Hannah Quinlan & Rosie Hasting präsentiert, deren viel kommentiertes Projekt @Gaybar sich letztes Jahr mit der queeren Geschichte und Safe Spaces in Großbritannien befasst hat.  

Ein paar Kilometer weiter südlich im Finanzviertel Brickell hat die erste Ausgabe der ausschließlich weiblichen Anti-Kunst-Messe ‘FAIR‘ ein ungewöhnliches Einkaufszentrum in Beschlag genommen. Die selbsternannte “alternative, nicht-kommerzielle Kunstmesse” widmet sich der Geschlechterungleichheit in der Kunstwelt, indem sie radikalen Frauen Raum bietet.  

BFA_22860_2746040

Es war also ein bisschen ironisch, dass ihre kuratierte Show mit der enttäuschenden Wish Tree-Installation von Yoko Ono eröffnet wurde – eine der sichtbarsten noch lebenden Künstlerinnen von heute. Und obwohl die Guerilla Girls ein bisschen wie eine zu leichte Wahl erscheinen (vor allem nach ihrer Whitechapel Retrospektive Anfang des Jahres), war es dennoch cool, ihre zeitlosen großen Billboards im ganzen Einkaufszentrum verteilt zu sehen, die kritisieren, dass Künstlerinnen stark unterrepräsentiert sind.

Wo schon von Sichtbarkeit die Rede ist: die wohl Instagram-tauglichste Arbeit diesen Jahres war eine 3,5 Meter hohe Neon-Vagina-Skulptur, die alle paar Sekunden aufleuchtete. Die bunte Installation von Turnerin/Journalistin/Künstlerin Suzy Kellems Dominik wurde im Nautilus Hotel aufgebaut und trug den Titel I Can Feel und will den weiblichen Orgasmus feiern. Im Faena Hotel hat die Multimedia-Künstlerin Zoe Buckman aus Hackney über ihre öffentliche Kunstkommission CHAMP gesprochen, einen riesigen Neon-Uterus, der nächstes Jahr am Sunset Strip in L.A. seinen Platz finden soll. “Es ist keine Vagina!”, betont die 32-Jährige während der Lexus Art Series Gesprächsrunde über feministische Kunst, und weist auf die Missverständnisse rund um das weibliche Geschlecht in unserer Gesellschaft hin.    

The Prada Double Club Miami_1

The Prada Double Club

Und natürlich wäre die Miami Art Week nicht komplett, wenn es nicht eine Reihe feucht-fröhlicher Partys gäbe. Von Dj Sets von Björk und Paris Hilton bis hin zu spontanen Gigs von Drake und Cardi B war alles dabei. Aber das absolute i-Tüpfelchen war der The Prada Double Club: eine dreitägige Wiederholung der Londoner experimentellen Kunst-Installation des deutschen Künstlers Carsten Höller. Am Abend der Eröffnung trat Wyclef Jean auf, und zum Publikum gehörten unter anderem Miuccia Prada, Hans-Ulrich Obrist und Ricky Martin.   

Doch während die Kunstwelt noch ihren Kater auskuriert, ist der Kultursektor in den USA vielleicht gefährdet. Donald Trumps kürzlich vorgeschlagene Steuerreformen würden Museen und kulturelle Institutionen betreffen, die wichtige Spenden von wohlhabenden Stiftern bekommen haben, die dafür keine hohen Steuern zahlen mussten. “Es gibt einen Krieg gegen die Kultur in diesem Land. Einen Krieg gegen People of Colour, gegen Immigranten und Frauen”, kommentierte Anne Pasternak, Direktorin des Brooklyn Museums in New York, während einer Podiumsdiskussion. “Die Art Basel fühlt sich an wie die Party vor dem Weltuntergang.”  

Credits:

Text: Benoît Loiseau

Credits:
Judy, Chicago Bigamy, 1964, Acrylic on clay, 15 x 20 x 8 inches

Themen:

Empfohlen auf

Mehr von