Art & Design

June 14, 2017

Verbrechen, Feminismus und Mord im italienischen Fernsehen der 70er Jahre

Der italienische Künstler Francesco Vezzoli spielt in einer neuen Ausstellung in der Fondazione Prada den „Aktivierer der Erinnerungen"

  • Von Moritz Gaudlitz

Wenn in der Kultur Italiens etwas für die späten 70er Jahre prägend gewesen ist, dann war es das Fernsehprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders RAI – Radiotelevisione Italiana. Das Fernsehen war damals Italiens wichtigstes Medium und so gut wie jeder hat das vielfältige Programm von RAI geschaut. Raffaella Carrara und Cicciolina gehörten zu den Moderatorinnen, die zu kulturellen Anführern und gesellschaftlichen Ikonen werden sollten. Aber neben all dem Glamour und Entertainment berichtete das italienische Fernsehen auch über Feministinnen, die für Gleichberechtigung gekämpft haben, über politische Morde und Gewaltverbrechen.

In einer neuen Ausstellung in der Fondazione Prada in Milan teilt der renommierte italienische Künstler und Filmemacher Francesco Vezzoli seinen sehr persönlichen Einblick in die Vergangenheit des italienischen Fernsehens mit den Zuschauern. In der umfangreichen Ausstellung sind zeitgenössische italienische Kunst, TV-Projektionen und Installationen zu sehen, die zusammen die kulturelle und politische Bedeutung des RAI in den 1970er Jahren deutlich machen.   

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Francesco Vezzoli von Ugo Dalla Porta. Mit freundlicher Genehmigung der Fondazione Prada.

Francesco, wonach hast du das Material aus dem riesigen RAI-Archiv ausgewählt?
Um ehrlich zu sein, habe ich mein ganzes Leben lang Material gesammelt. Es ist eine Ausstellung der Dinge, die mir wichtig gewesen sind, die ich aufbewahrt habe. Es ist wie eine Ausstellung über meine Lieblingsbücher. Es ging also eher darum, all das Material miteinander zu verbinden. Aber in der Ausstellung geht es nicht vorrangig um Nostalgie oder Erinnerungen – das politische Element ist hierbei viel wichtiger.

Du bist in den 70ern aufgewachsen. Hast du all die Arbeiten und das Videomaterial, das in der Ausstellung zu sehen sind, als Kind selbst erlebt? Der Fernseher war ja in Italien so gut wie nie ausgeschaltet…
Er war immer an, weil es damals noch keine Social Media gegeben hat. Und ich habe alles davon gesehen. Der Fernseher war die Quelle der Informationen. Und man muss auch bedenken, dass wir einen Bürgerkrieg hatten. Wir wollten ein Medium haben, das uns immer mit den neuesten Informationen versorgen würde. Entertainment-Shows wurden unterbrochen, um die Leute über die aktuellen, tragischen Vorfälle zu informieren. Und da die Zeitungen nicht so schnell waren, war der Fernseher landesweit so gut wie immer an.

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Es gibt viele TV-Formate und Kunstwerke, in denen nur Frauen mitwirken. Wie genau hat das Fernsehen der 70er Jahre Frauenrechte unterstützt?
Die italienischen Politiker haben damals nicht geglaubt, dass Fernsehen die Leute wirklich bevollmächtigen könnte. Sie dachten eher, dass es einen schlechten Einfluss auf sie haben würde. Frauen konnten in der Welt des Fernsehens arbeiten und einflussreicher werden, als Männer. Ich finde es toll, weil es wie eine Art verdrehte Rache ist. Heutzutage sind Frauen weltweit im Fernsehen mächtiger, und die Medien können Führungspersonen ausbilden. Das alles hat damit begonnen, dass Frauen im Nachmittagsfernsehen eine Bühne gegeben wurde. Und das heutige Nachmittagsfernsehen ist so einflussreich, dass es beispielsweise die Meinung der Leute über die Präsidentschaftskandidaten prägen kann.   

In deinen eigenen Arbeiten arbeitest du mit Schauspielerinnen und Prominenten wie Catherine Deneuve, Natalie Portman und Lady Gaga zusammen. Wie wichtig sind weibliche Prominente in deinen Arbeiten?
Dieser Aspekt der Berühmtheit war anfangs sehr interessant. Nach vielen Jahren habe ich diese Neugierde jetzt glaube ich überwunden. Starke Frauen haben mich schon immer fasziniert. Ich glaube, dass wir weltweit immer noch versuchen, eine Vorstellung weiblicher Macht zu definieren, die sich was die Ikonographie angeht nicht an der männlichen Macht anlehnt.

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In den 70ern gab es auf RAI Sendungen über Künstler und Intellektuelle wie  Giorgio De Chirico oder Pier Paolo Pasolini – erfolgreiche Sendungen, die von Millionen Zuschauern angeschaut wurden. Heute wäre das nicht möglich …
Ja, das kann ich mir auch nicht vorstellen. De Chiricos Benehmen im Staatsfernsehen war so lustig. Aber es war großartig! Man kann die Kunst nicht des Lebens berauben. Und Pasolini war ein Intellektueller, der mit seinen Filmen 12 Millionen Leute erreicht hat. Diese Fernsehsendungen und Filme haben das Verhalten der Italiener beeinflusst. Ich interessiere mich für Kunst, die politisch ist. Ich habe dieses Wort gewählt, weil es mit der Polis zu tun hat, also dem griechischen Wort für eine Bürgergemeinde und weil es somit für die Menschen steht.   

Das Design der Ausstellung ist sehr ungewöhnlich. Wolltest du einen riskanten Weg einschlagen?
Es ist riskant, weil wir die Kunst auf unkonventionelle Art behandeln. Wenn man in ein Museum wie das Tate oder ins MoMA geht, gibt es keine Projektionen auf Kunstwerken, einen roten Teppich, Altare und Studioleuchten. In diesem Sinne werden Puristen vielleicht etwas dagegen haben. Das ist aber OK, ich kann mit Kritik umgehen.

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Du hast mit Designern, Kuratoren und Kreativdirektoren von RAI zusammengearbeitet – welche Position hast du? Kurator, Künstler oder Beobachter?
Ich hätte die Ausstellung nicht designen können, denn die Themen, um die es in den Videos geht, sind viel zu persönlich. Es wäre für mich schlichtweg zu emotional, zu intensiv gewesen. Ich brauchte die objektivere Sichtweise der Kuratoren und Designer. Was ist also meine Funktion? Ich bin das Kind, das fernsieht. Ich bin der Aktivierer der Erinnerungen.

Francesco Vezzoli guarda la Rai ist bis zum 24. September in der Fondazione Prada zu sehen.

Credits:

Text: Moritz Gaudlitz

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